Wort für den Tag - 30. September 2021

Sünder 2.0

Ich habe im Rahmen der Worte für den Tag bereits einmal über das Thema Sünde geschrieben. Dieser Text war keineswegs abschließend. Und dieser hier wird es auch nicht sein. Doch Tageslosung und Lehrvers fordern wieder zum Nachsinnen über dieses Thema auf:

  Losung: Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – HERR, wer wird bestehen?
  (Psalm 130,3)

  Lehrvers: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu
  und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
  (2. Korinther 5,19)

Am Anfang steht eine bald verzweifelte Ungewissheit: Wenn Gott auf die Idee kommt, Sünden anzurechnen, wenn er anfangen würde, die Menschheit anhand ihrer Taten nach einem Maßstab der Vollkommenheit zu bewerten, wie soll dann überhaupt irgendein Mensch diesen Test bestehen? Wie können wir auch nur darauf vertrauen, von Gott liebevoll angesehen zu werden, angesichts unseres alltäglichen Scheiterns im Umgang miteinander, in all unserem Streit und unserer Achtlosigkeit? In dem Wort „willst“ steckt die essenzielle Unsicherheit christlichen Sündenglaubens: Wenn Gott nur will, dann kann er uns ohne weiteres Verdammen und all unser Hoffen wäre vergebens.

Wer wird bestehen? Was ist einer solchen Erkenntnis entgegenzusetzen?

Der Lehrvers bietet hier ein „Wort der Versöhnung“ an. Doch was beinhaltet dieses Wort? Es ist vielleicht genau das gleiche Wort, dass so verunsichert hat: „Willst“. Der Wille Gottes ist bekanntlich unergründlich. Er lässt sich nicht erforschen. Aber in der Person Jesus, in seiner Geschichte wird uns etwas deutlich: Gott will Sünden nicht anrechnen. Er sucht die Versöhnung. Er sucht sie und wird dabei selbst Mensch. Er sucht die Nähe zu den verunsicherten Menschen und macht sich dabei auch verletzlich bis zum Kreuzestod. Und überwindet damit den Maßstab der Vollkommenheit, an dem wir nur scheitern können, denn es obliegt Gottes Willen, Sünden anzurechnen. Und das Leben Jesu zeigt: Er will es nicht.

Schalom Ben-Chorin findet im Lied Nummer 237 im Evangelischen Gesangbuch schöne Worte dazu:

  Und suchst du meine Sünde,
  flieh ich von dir zu dir,
  Ursprung, in den ich münde,
  du fern und nah bei mir.

In der Auseinandersetzung mit meiner Sünde lande ich schlussendlich immer wieder bei Gott und bei seinem Wort der Versöhnung.

Und mit dem Wort der Versöhnung schließt auch vorerst diese Reihe der Worte für den Tag. Ich denke ich kann im Namen aller WortfinderInnen sprechen wenn ich Ihnen werte Leser und Leserinnen für Ihre Aufmerksamkeit danke und Ihnen von Herzen wünsche, dass sie die Gewissheit des mit-Gott-versöhnt-Seins durchs Leben trägt und sie aufrichtet, wenn die Suche nach Wert und Sinn schwer fällt.

Ulrich v. Ulmenstein

Wort für den Tag - 29. September 2021

Michaelistag

„Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.“
Psalm 34,8

Heute feiern wir den Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Michael, der Satan in Gestalt des Drachens bezwungen und aus dem Himmel verstoßen hat, ist der Schutzpatron der Deutschen. Er ist unser Schutzengel. Über dem Eingang zum Völkerschlachtdenkmal blickt er in gigantischer Größe und in heroischer Pose auf uns herab. Er ist untrennbar mit der Hierarchie der Engel verbunden. Auch wenn die Weihnacht noch fern ist, kommt mir der von aufgeregten Kinderstimmen vorgetragene Quempas in den Sinn:

„Freut euch heute mit Maria
in der himmlischen Hierarchia,
da die Engel singen alle
in dem Himmel hoch mit Schall.“

Ich löse mich von der majestätischen Statue am Denkmal und, indem ich mich schon ein bisschen auf Weihnachten freue, denke ich an die Hierarchie der Engel: an den Verkündigungsengel, an „die Menge der himmlischen Heerscharen“ und an unsere Schutzengel.

Ich bin dankbar dafür, dass ich mit einem Schutzengel rechnen kann. Er ist verborgen, aber mit ihm fühle ich mich geborgen. Er hilft mir heraus, wenn ich nicht weiterkomme. Gehen Sie mit dem Erzengel Michael und Ihrem Schutzengel froh durch diesen Tag!

Klaus Kruczynski

Wort für den Tag - 28. September 2021

Krisen, Werte und Visionen 

Die mit großer Spannung erwartete Wahl zum 20. Deutschen Bundestag ist gelaufen. Es scheint nicht übertrieben, wenn gesagt wird, dass damit ein neues Kapitel der deutschen Geschichte beginnt.
Das hängt vor allem mit dem Ende der 16-jährigen Regierungszeit von Angela Merkel zusammen, die von den einen als weltweit anerkannte Krisenmanagerin gelobt und von anderen als inhaltslose Verhinderin neuer Visionen kritisiert wird. In diesen Urteilen stoßen zwei Positionen aufeinander, die diametral entgegengesetzt zu sein scheinen.

Es gehört zu den guten Gepflogenheiten der Kirche, sich nicht direkt parteipolitisch zu positionieren, sondern auf das Verantwortungsvermögen und die Urteilskraft der Menschen zu setzen und in die damit verbundenen öffentlichen Diskurse den Erkenntnisgewinn des christlichen Glaubens einzubringen.
In diesem Sinne scheint mir die Frage wichtig, ob die Konzentration auf aktuelle Probleme und Krisen einerseits und die Verfolgung von größeren Zielen und Visionen andererseits wirklich solche Gegensätze sind, wie es hier offensichtlich den Anschein hat.

Wenn es um die (immer) begrenzte Kraft einer (jeder) einzelnen Person geht, leuchtet es wohl ein, dass sich diese in der großen Fülle täglicher Aufgaben nicht allem gleichzeitig mit gleicher Intensität zuwenden kann. Sachlich betrachtet gibt es aber eine wichtige Verbindung zwischen dem Umgang mit Krisen und Visionen: die Werte.
Wie Probleme bewältigt und welche Ziele angestrebt werden, hängt vor allem von den zentralen Werten ab, die jedem bewussten Handeln zugrundeliegen. Es sind die leitenden Werte, die über die Wahl der Mittel und Wege entscheiden. Deshalb müssen wir, wenn wir das Verbindende suchen, über unsere Werte sprechen. Das ist im Großen der Politik wie auch im Kleinen der Familie wichtig.

Apropos Familie: Wir werden ja höchstwahrscheinlich eine Regierungskoalition aus drei Parteien bekommen. Vielleicht kann das Modell der Familie auch dafür hilfreich sein: Man muss sich zusammenraufen und darauf achten, dass keiner unter die Räder kommt, weil sonst alle darunter leiden. Da klingt es doch ganz hoffnungsvoll, wenn die beiden „Halbstarken“, wie sie im ZDF genannt wurden, mit ihren gegensätzlichen Positionen schon einmal das Gespräch suchen.
Und wenn die Dominanz einer einzelnen elternähnlichen Zentralperson ein Korrektiv findet,
das in einem gemeinsamen Aushandeln von Kompromissen auf der Basis gemeinsamer Werte besteht, für die sich alle miteinander verantwortlich wissen, dann werden wir vielleicht doch noch erwachsen.

Dazu helfe uns Gott, ja und Amen!

Heinz Schneemann

Wort für den Tag - 27. September 2021

Dicke Luft

Manchmal ist es echt nervig: im Großen, wie im Kleinen. Türenschlagen und Gezicke. Schlechte Laune, schlechte Stimmung und schlechte Worte. Und ich frage mich: Muss das denn sein?

Der Entwicklungspsychologe Robert Keagen hat herausgearbeitet, dass Entwicklungsschritte mit schlechter Laune einhergehen. Er nennt das „Krisen“; Entwicklungskrisen.

Diese Botschaft hat es mir leichter gemacht, meine schlechten Launen und die meiner nächsten Lieben besser zu ertragen: Sie (die Krise) gehört halt dazu, zu einer Entwicklungsgeschichte. Und das klingt doch gut. Immer wenn nun bei uns zu Hause wieder dicke Luft ist, es mal wieder etwas lauter und nerviger zugeht als sonst auch schon, dann sagen wir: „Entwicklungsschub“; auch wenn sich wohl nicht jede schlechte Laune am Ende als Fortschritt in der Persönlichkeitsentwicklung herausstellt. Aber manche vielleicht doch: hoffentlich!

Es ist übrigens spannend, dass Hans-Joachim Maaz politisch-gesellschaftliche Ereignisse auf Grundlage psychologischer Erkenntnisse betrachtet. Und so könnte man hoffnungsvoll fragen: Deutet sich da vielleicht auch gesellschaftlich ein „Entwicklungsschub“ an und wir nehmen bisher nur die Krise wahr?! Schön wäre es.

In diesem Sinne grüße ich Sie mit einer spannenden Losung für diesen Tag:

Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort.

Psalm 119,67

Die Betrübnis, die nach dem Willen Gottes ist, bewirkt eine Umkehr zum Heil, die niemand

2. Korinther 7,10

 Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

 

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