Wort für den Tag - 21. Januar

Gott ohne Grenzen

Immer wieder höre ich in Gesprächen mit Leuten aus der Theater- und Musikszene von der gefühlten Ungleichbehandlung von Kirche und Kultur in diesen Zeiten der Beschränkungen: Sie fragen sich, warum  Religionsgemeinschaften, geschützt von der Freiheit zur Religionsausübung, andere Rechte zugesprochen bekommen im Lockdown. Wir dürfen Gottesdienste feiern. Mit Hygienekonzepten, die Konzerthäuser und Theater ebenso gut umsetzen würden. An denen liegt es also nicht. Woran liegt es dann? Ist es der Ort, der eine Veranstaltung zu einer Religiösen macht? Ist es ein Geistlicher, der anwesend sein muss? Oder ist es das Publikum, welches zu einer eingetragenen Glaubensgemeinschaft gehören muss? Oder ist es der Vollzug, die Elemente, die Liturgie? Was ist dann, wenn zu einem Gottesdienst nur ungetaufte Besucher kämen? Oder wenn ein Pfarrer eine Andacht im Theatersaal hielte, mit Altar und unterm Kreuz? Was ist mit dem Konzert, das in der Kirche stattfindet?
Ich habe darauf keine befriedigende Antwort. Aber mich machen diese Fragen sensibel dafür, zu sehen, dass Religiosität so viel mehr ist als ein Raum oder ein Format. Was Menschen berührt, wo sie spirituelle Erfahrungen machen, wo sie Gott begegnen – das ist so verschieden, wie wir es sind. Das kann im Park sein, unterm Sternenhimmel, in den Armen eines Geliebten, beim Hören ergreifender Musik oder großer Fragen auf der Bühne. Ich bin dankbar für diese Sichtweise: „Glaube“ als Beziehung zwischen mir und Gott lässt sich nicht begrenzen. Und Gott ist größer als unsere Vorstellungen und Institutionen.

Johanna Stein

 

Wort für den Tag - 20. Januar

Wort für den Tag - 19. Januar

Klage, Schmuck und schöne Kleider

Es ist auch für glaubende Menschen schwer, die Ohnmacht und die Ratlosigkeit, den Widerspruch und die Zwiespältigkeit der Gefühle in der Coronakrise auszuhalten.

Es ist gut zu wissen, dass es schon immer Menschen gab, die in Notzeiten das gute Wort sprachen und das Leid und die Angst nicht kleinredeten, die zuhören konnten und um die Sorgen und Ängste wussten.  

Im Alten Testament erzählt Jesaja, wie wichtig es ist, sich den Menschen zuzuwenden.

Der Herr hat mich gesandt, zu trösten, alle Trauernden. Jes 61,1.2.

Er erzählt mit einem hohen Einfühlungsvermögen, wie Herzen zerbrechen, weil die Zukunft zerplatzt, wie Gefangenschaft durch Krankheit oder Streit und Wut zum Freiheitsentzug in sich selbst oder in den eigenen vier Wänden quälend spürbar wird.

Jesaja will heilen, verbinden, trösten, was zerbrochen ist, was so weh tut und was Menschen traurig macht. Er stellt sich zu ihnen in ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit, um zu begleiten. Er möchte mit seiner Offenheit und Gottesworten, „…ihnen Schmuck statt Asche, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben.“

Das könnte die Aufgabe der Kirchen sein. Kirche eröffnet einen Raum, in dem wir für unser Leben wieder ein Gespür bekommen. Ein Ort, an dem wir neu genießen, wie es ist, schönen Schmuck und bunte Kleider zu tragen. Aber davor braucht es einen anderen, einen bergenden Raum, in dem die so oft unterdrückten Gefühle eine Sprache finden. Hier nehmen Worte der Klage und des Gebetes die gegenseitigen Vorwürfe um die richtigen Entscheidungen auf. Die konfrontative Anklage führt zur vielstimmigen Klage.

Menschen nehmen das Leid in dieser Krise unterschiedlich wahr.  Wir werden ein neues Verständnis füreinander entwickeln, wenn unsere Gefühle und Ansichten nebeneinander stehen dürfen und gehört werden. Wenn wir unsere vielstimmigen Klagen und Gebete Gott vorhalten, werden wir nicht allein zurückgelassen.

Wir tragen miteinander im Namen Gottes nicht nur das Leid dieser Zeit, sondern auch den Schmuck und die Kleider der Zukunft.

Jesus spricht dies für seine Zuhörer in der Bergpredigt so aus: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Mt 5,4

Ihr Martin Staemmler-Michael

Wort für den Tag - 18. Januar

„Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen.“    (nach Epheser 4,26)

Das ist ein weiser Rat, den ich allzu oft selber nicht befolgt habe. Zwar, der Zorn verraucht bei mir relativ schnell, aber an seiner Stelle entsteht Groll, wenn der Grund des Zorns nicht beseitigt wird. Und Groll setzt sich an der Seele fest wie Rost am Eisen. Der geht dann von selber nicht mehr weg. Gereiztheit, Trübsinn, Schlaflosigkeit – verschiedene Folgen hat so etwas Unbewältigtes. Ja, es ist schon richtig: Nimm den Zorn nicht mit in’s Bett. Mir hilft es, wenn ich versuche ein paar Schritte zurück zu treten und die Sache, über die ich zornig bin, aus Abstand zu betrachten. Wie wirst du in einem Monat darüber denken? Wirst du dich in einem Jahr überhaupt noch daran erinnern? Zorn ist völlig menschlich…und zugleich völlig kontraproduktiv. Im Zorn habe ich mich nicht im Griff. Und wenn ich auf einen anderen Menschen zornig bin, sage oder tue ich Dinge, die verletzen und mir danach leidtun. Auch im Blick auf den anderen, der meinen Zorn abkriegt, sollte die Sonne nicht über meinem Zorn untergehen. Besser, gleich ein Wort der Entschuldigung. Hat das nicht auch etwas mit der neuen Jahreslosung zu tun? „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Ja, seid barmherzig mit euch selbst und mit euren Mitmenschen bevor die Sonne untergeht und es zu spät ist.

Viele Grüße von Günther Jacob

Wort für den Tag - 15. Januar

pixabay.com

Bei jedem 15. Januar kommen mir Erinnerungen an den 15. 1. 91, der sich in besonderer Weise in meinem Leben eingeprägt hat.

Trotz 2. Intifada konnte mein Studienjahr „normal“ in Jerusalem beginnen. Dann kam der 2. August – mit dem Einmarsch im Kuwait änderte sich die politische Lage. Beim UNI-Start hatte ich neben der Führung über das UNI-Gelände auch eine Einführung zum Verhalten in Kriegssituationen. Nach den ersten Wochen bekamen wir alle eine Gasmaske. Es war ein besonderes Semester mit intensivem Studium, vorzeitigen Abschlussprüfungen und …

Dann kam der 15. Januar: Nach Verabschiedung von israelischen Freund_innen, letzten Erledigungen und Koffer packen (ohne Wissen, ob oder wann ich zurück kann) ging es zum Flughafen. In alle Ecken der Welt gingen die letzten Flugzeuge. Mit der letzten Maschine und viel Verspätung ging es nach Hannover. Mitten in der Nacht war ich wieder bei meiner Familie und gefühlt doch im Ausland. Keine 24h später begann der Luftkrieg. Bilder von den Angriffen auf Israel sah ich in den Nachrichten. Freunde konnte ich nur schwer erreichen (digital ging nicht) – Post konnte von Deutschland nur auf dem Landweg verschickt werden. Die Zeit forderte viel Geduld von mir. Mit dem ersten Flugzeug ging es Anfang März noch vor dem Waffenstillstand zurück. Zur Begrüßung gab es einen „wieder da“-Abend mit allen Nachbarn!

Das war vor 30 Jahren und bewegt mich noch immer. Im Rückblick überwiegen die vielen wunderbaren Erinnerungen und Freundschaften. Und Schweres hat mich „wachsen“ lassen.

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

 

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