Wort für den Tag - 19. November

„Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen." Albert Camus

Ich starrte ungläubig auf diesen Satz. Immer war für mich Sisyphus das Synonym der Vergeblichkeit.

Verdammt ist er. Immer und immer wieder rollt er den Felsbrocken den Berg hinauf. Immer und immer wieder löst dieser sich kurz vor dem Gipfel und stürzt an den Fuß des Berges zurück. Sisyphus darf nicht aufgeben, nicht hinschmeißen, nicht NICHTS tun. Grausam – war meine Assoziation – nicht glücklich.

Und nun dieser Satz von Albert Camus. Dem Mann, der den Roman „Die Pest“ schrieb – 1947 veröffentlicht und im Frühjahr 2020 aufgrund hoher Nachfrage zeitweilig vergriffen.

Ein Roman, der die todbringende Pest als Symbol für den todbringenden Faschismus verwendet. Mit all den Facetten, die Seuche und Faschismus verbinden.

Das langsame Einschleichen („alles Einzelfälle!“), die Ausbreitung und das „Trotzdem“ („Wir haben alles unter Kontrolle“), das Durchdringen der gesamten Bevölkerung, die polarisierend nach ihrem individuellen Umgang damit sucht. Immer weiter steigende Opferzahlen, Resignation oder sinnlose Wut … Mittendrin der Arzt Rieux. Der, mit einigen Mitstreitern, trotz der scheinbaren Aussichtslosigkeit stoisch seiner Berufung als Arzt folgt. Wie Sisyphus immer und immer wieder den Stein hinauf zum Gipfel rollt.

Letztlich wird die Pest besiegt, letztlich wird der Faschismus besiegt. Aber das Eine ist Rieux völlig klar:

„… dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er … geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Immer wieder müssen wir den Stein neu nach oben rollen. Das kennen wir vom „Immerwieder- aufstehen-müssen“ unserer eigenen Biographie. Das wissen wir von den immer wieder hervorkriechenden Ratten des Rassismus, des Faschismus, der Seuchen, der Maßlosigkeit, des Egoismus, der Ignoranz, des Machtstrebens.

Sisyphus – ein glücklicher Mensch?!?

Vielleicht - erkennt er seine Aufgabe an – als die aller Menschen: Nach der Höhe zu streben, die Last zu akzeptieren, auch den scheinbar immer gleichen Weg … Vielleicht – ein Weg mit wachsender Erkenntnis, mit besserer Technik, mit stärker werdenden Muskeln, mit weiteren Blicken ins Land, mit Weggefährten, die ihm Mut zusprechen …

Das Ankommen und Bleiben auf dem Gipfel ist für mich das Ankommen und Ausruhen bei Gott.

Und bis dahin hoffe ich, nicht müde zu werden, den Stein dessen, was mir Lebensaufgabe scheint, immer wieder neu nach oben zu rollen. Denn dadurch werde ich trotz allem, was mir schwer erscheint, ein glücklicher Mensch.

Claudia Krenzlin

Wort für den Tag am Dienstag, 17. November

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2, 18)

Dieses Bibelwort hat ein Pfarrer vor Jahren einer Trauansprache zugrunde gelegt. Um zu illustrieren, wie er es versteht, hat er dem Brautpaar ein persönliches Erlebnis erzählt. Er ging zu Fuß durch den Stadtpark in’s Zentrum, weil er dort etwas zu erledigen hatte. In der Spätsommersonne begegnete er einem alten Ehepaar. Er saß im Rollstuhl, und sie schob ihn. Beide genossen das schöne Wetter. Nachdem der Pfarrer seine Angelegenheiten erledigt hatte, ging er denselben Weg zurück. Und tatsächlich kam ihm dort wieder das alte Ehepaar entgegen, auch auf dem Heimweg. Aber Moment mal… Er stutzte, denn nun saß sie im Rollstuhl, und er schob sie. Beide sahen sehr zufrieden aus.
(nach W. Böllmann)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute nicht allein sein müssen.
Ihr Günther Jacob

Wort für den Tag - 16. November

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ (3.Mose 19,18) So heißt es in der Losung für den heutigen Tag. „Nächstenliebe“ ist ein Kernthema des christlichen Glaubens. Im Alten wie im Neuen Testament geht es immer wieder um unseren Umgang mit anderen Menschen. Nicht „wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht“, sondern „wenn jeder an einen anderen denkt, dann ist an alle gedacht“ lautet Devise. In der Theorie klingt es ganz einfach, aber in der Praxis ist es doch oft schwer. Immer wieder scheitere ich daran, meinen Nächsten so zu behandeln, wie ich auch behandelt werden möchte.
Ich habe einmal ein schönen Vergleich gehört: Nächstenliebe ist wie ein Muskel, sie muss täglich trainiert werden. Ich finde das ist ein passendes Bild, denn es erfasst die Realität. Es ist nicht mit einem Mal getan, sondern ist ein dauernder Prozess. Es ist auch nicht immer einfach, weil Training oft anstrengend ist. Aber es ist wichtig, muss täglich getan werden.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Kraft beim Trainieren Ihres Nächstenliebemuskels.

Anne-Marie Beuchel

Wort für den Tag - 13. November

In einem Jahresbegleiter mit 365 Texten von Werner Tiki Küstenmacher lese ich an diesem Freitag diese – wunderbar zum Ende des Kirchenjahres passenden - Zeilen:

„Unser Leben ist kein ewiger Kreislauf. Es ist eine einzelne, einmalige Reise, von der Kinderzeit über die Jugend und das Erwachsensein bis hin zum Älterwerden und dann zu einem definitiven Ziel.“

Das Bild der Reise ist es, das hängen bleibt: Aus Sehnsucht einerseits, weil ich das Reisen liebe und zur Zeit entbehre, und weil sich das Gefühl des Unterwegsseins, des Niemals-wirklich-ankommens mischt mit den Gefühlen von Freiheit, von Aufbruch, mit Erinnerungen an Abenteuer, an Begegnungen, an Reichtum an Eindrücken. Andererseits, weil ich genau das für mein Leben will: Ein immerwährendes Unterwegssein. Ich will nicht vor Anker gehen im sicheren Hafen, eingerichtet in meinem Alltag. Ich will eine Suchende, eine Reisende bleiben, mich verändern, immer wieder neu in See stechen, mich reich beschenken lassen, den Mut nicht verlieren. Es gibt noch so viel zu tun, zu sehen, zu erleben, zu begegnen. Gut zu wissen, in wessen Arme ich am Ende zurückkehren werde.

Johanna Stein

Wort für den Tag - 12. November 



„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“, so heißt es im 3.Kapitel im Buch Prediger. Vieles wird dort aufgezählt. In Vers 4 steht: „Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ Gerade jetzt in Zeiten von Corona beschreibt dieser Vers meinen Alltag sehr gut. In manchen Moment bin ich so erschöpft, dass ich einfach nur weinen möchte. Dann begeistert mich meine Familie so sehr, dass ich von einem großen Lachen ergriffen werde. Später klage ich voller Frustration. Und dann am Abend, wenn die Kinder schlafen und der Laptop endlich aus bleiben kann, tanze ich. Ich tanze bis alle Sorgen und der ganze Stress weg sind. Manchmal reicht ein Lied, manchmal brauche ich zehn oder mehr. Ich schüttle alles ab und schalte meinen Kopf aus – „jetzt ist die Zeit genau dafür und für nichts anderes.“

Das Weinen und Klagen dominiert derzeit bei vielen den Alltag, fast so als würde diese Zeit nicht enden. Am Abend los lassen, es weg tanzen – das wünsche ich Ihnen, denn ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Anne-Marie Beuchel
Bild: pixabay.com

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